Zeitzeugen im Unterricht

 

 

 

 

DDR-Zeitzeugin in der

 

Realschule plus Meisenheim

 

 

Aufrecht und mutig dem DDR-Knast getrotzt

 

Schon zum zweiten Mal besuchte die ehemalige DDR-Bürgerin Barbara Große die Realschule plus in Meisenheim zu einem Zeitzeugengespräch. Auch am letzten Mittwoch ließ sie wieder tief beeindruckte und nachdenkliche Zehntklässler zurück.

 

Fast vier Schulstunden lang erzählte Frau Große über ihr von Einschränkungen und Repressalien geprägtes Leben in der DDR. Aufgrund ihres christlichen Glaubens durfte die heute 68-Jährige weder Abitur machen noch studieren, weshalb sie eine Ausbildung als Tontechnikerin absolvierte und anschließend beim Radiosender Leipzig tätig war. Obwohl ihre Arbeit sie ausfüllte, wurden ihre Sehnsucht nach Freiheit und der Wunsch, ihre beiden Kinder ohne sozialistische Indoktrination aufwachsen zu sehen, immer stärker. So stellte sie ab 1976 regelmäßig Ausreiseanträge in der Ständigen Vertretung in Berlin, wodurch sie in das Visier der Stasi geriet. Zwei zusätzliche Reisen in die Deutsche Botschaft nach Prag wurden ihr dann zum Verhängnis. Es folgte 1983 die Verurteilung zu einer 30-monatigen Haftstrafe, die nach 15 Monaten mit dem Freikauf durch die BRD endete. Seit 1984 lebt Frau Große in Mainz, wo sie  bis zu ihrer Rente 2005 beim SWR gearbeitet hat. Heute weiß sie, dass sie auch noch in Westdeutschland bis zur Wende  bespitzelt wurde und allein über ihre Person mehr als 3000 Stasiseiten existieren.    

Besonders fesselnd, aber auch berührend empfanden die Schüler Frau Großes Schilderungen über ihre Haftzeit im Frauenzuchthaus Hoheneck. Die Staatsanwältin beschimpfte Frau Große bei ihrer Verurteilung als „Abschaum der Gesellschaft“, was sie in ihrer Haftzeit zu spüren bekam - „unter 18 Frauen in unsere Zelle waren zwölf Kindermörderinnen – wir Politischen wurden alle schlimmer behandelt als sie“. Dennoch gelang es Frau Große immer wieder ihren düsteren Erzählungen eine Prise Humor hinzuzufügen.

So berichtete sie z.B. schmunzelnd über ihr erstes Verhör in der Untersuchungshaft, bei dem sie sämtliche Rechtschreibfehler im Protokoll ihres Peinigers korrigierte und darauf bestand, dieses erst zu unterschreiben, wenn die Fehler behoben seien.

 

Folgende Schüleräußerungen sollen die Faszination der Zehntklässler widerspiegeln:

„Es war interessanter die Geschehnisse aus dem Mund einer Frau zu hören, die wirklich darum kämpfte, in den Westen zu kommen, als nur von unserer Lehrerin, die diese Zeit zwar auch erlebt hat, aber aus einer ganz anderen Perspektive. Ich finde es bewundernswert, welch eine Ausstrahlung Frau Große hat, und wie glücklich und stolz sie ist, das alles geschafft zu haben. Sie hat eine wundervolle Persönlichkeit.“ (Katarina Schneider)

„Ich fand es beeindruckend, welchen Willen Frau Große besaß, um in den Westen zu kommen. Ich habe großen Respekt vor ihr, da sie so leicht über ihre Erlebnisse sprechen konnte“.

(Michelle Kreischer)

 

„Meiner Meinung nach ist die Zeitzeugin eine sehr taffe und mutige Frau. Ihre Erzählungen haben mich sehr begeistert, gleichzeitig aber auch schockiert. Ich habe einen anderen Einblick in die Zeit der DDR gewonnen und kann mich jetzt besser hineinversetzen.“ (Janell Uras)

 

Letztendlich bewunderten alle Schüler die Lebensfreude und Heiterkeit, welche sich Frau Große auch in ihrer dunkelsten Zeit bewahren konnte und bis heute ausstrahlt.

 

In ihrem Abschlusswort appellierte Frau Große an die Schüler, ihr demokratisches Recht wahrzunehmen und wählen zu gehen – wieder seien undemokratische Kräfte am Werk, besonders in Ostdeutschland – es gelte die Grundwerte unserer freiheitlichen Gesellschaft zu schützen.

 

Die Klassenlehrerinnen Sabine Orth-Bayesteh und Sandra Feltes waren sich am Ende der Veranstaltung einig:  Ein lebensnaher Vortrag aus erster Hand kann viele  Unterrichtsstunden ersetzen und wesentlich mehr bewirken. Frau Große war sicher nicht das letzte Mal an ihrer Schule.